Thrillerpfeife

Archive for Dezember 2008

Lazarusorden – Zombie-Ritter

Aus Büchern und dem Fernsehen sind sie wohl jedem bekannt; die drei großen Ritterorden aus den Kreuzzügen:  Johanniter, Deutscher Orden und vor allem die Templer. Diese waren aber nicht die einzigen Ritterorden, die im Heiligen Land für das Christentum gekämpft haben. Es gab viele andere kleinere Ritterorden. Einer von ihnen hieß „Militärischer und Hospitalischer Orden des Heiligen Lazarus von Jerusalem“.

Benannt nach dem von den Toten auferweckten Lazarus aus dem Johannes-Evangelium wurden die Ritter dieses Ordens ihrem Schutzpatron voll und ganz gerecht:

Leprakranker Mann

Er ging irgendwann zwischen den Jahren 1130 und 1145 aus einem Leprosorium vor den Stadtmauern Jerusalems hervor, also aus einem Hospital speziell für Leprakranke und er bestand zunächst auch selbst nur als Leprakranken.

Leprakranke, auch Aussätzige genannt, wurden im Mittelalter aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil man zurecht Angst hatte, man könnte von ihrer schrecklichen Krankheit angesteckt werden. Sie wurden gesellschaftlich somit für tot erklärt und mussten ihr Dasein außerhalb der Stadtmauern ihrer Heimat verbringen, bis sie langsam starben. Und gewiss war das niemals ein schöner Tod, denn Lepra ist keine schöne Krankheit. Schmerzhafte klaffende Wunden, die fleckenförmig den ganzen Körperüberziehen und Verstümmlungen ganzer Gliedmaßen lassen die Leprosen langsam dahin siechen. Kein Wunder also, dass die Lazariter wie lebende angefaulte Leichen aussahen; wie die Zombies in Michael Jacksons Thriller.

Nachdem 1187 Jerusalem von den muslimischen Truppen Saladins übernommen wurde, verlegte der Orden seinen Sitz nach Akkon. Bisher war die Hauptaufgabe des Ordens die Pflege von Leprakranken, doch von nun an nahm er verstärkt leprose Kreuzritter auf, besonders Johanniter und Templer. Diese wurden zwar nicht dazu gezwungen, ihren eigenen Orden zu verlassen, aber es wurde ihnen nahe gelegt. So bestand der Lazarusorden nun zu einem großen Teil aus kranken ehemaligen Tempelrittern.

Das Symbol der Lazariter

Wer glaubt, leprakranke Ritter seien zu geschwächt gewesen, um zu kämpfen, der irrt. So lange sie überhaupt noch eine Hand hatten, konnten sie auch ein Schwert halten und so lange sie noch nicht zu geschwächt waren, konnten sie reiten. Selbst König Balduin IV. war leprakrank und er konnte sein Reich trotzdem bis zu seinem Tod regieren. Die Lazarusritter konnten kämpfen und sie kämpften verbissen. Nicht nur die Motivation, das Heilige Land vor den Heiden zu retten und der Christenheit zum Sieg zu verhelfen, nicht nur das Paradies bot ihnen Anreiz zum Kampf. Nein, ihr Motto war es, lieber auf dem Schlachtfeld einen ehrenhaften Tod zu finden, als langsam, qualvoll und jämmerlich im Krankenbett dahin zu siechen. Sie kämpften also, um zu sterben.

Daher müssen ihre Feinde in den Schlachten von La Forbie (1244) und Mansurah (1250) gedacht haben, gegen Dämonen zu kämpfen, denn so sahen die Lazerner aus und so stürzten sie sich in den Kampf.

Bis 1253 hatten alle leprosen Lazarusritter ihre Erlösung im Tod auf dem Schlachtfeld gefunden und nachdem die Kreuzritter das Heilige Land an die Moslems verloren hatten, zogen sie sich auf ihre abendländischen Besitzungen zurück. Die Lazerner gibt es auch heute noch, nur ist er heute nicht mehr militärisch, sondern nur noch hospitalisch tätig.

Wissenswert ist es aber dennoch, dass es neben den mythenüberzogenen Tempelrittern und anderen Ritterorden auch einen kleineren Orden gegeben hat, der aus leprakranken Rittern bestand.

MC

(Ein paar Internetquellen)

Dir kommt es so vor, als ob das TV-Programm genauso flach ist wie die neuste Plasma-Glotze? Du glaubst,  den gesendeten Quatsch kann doch niemand gut finden? Solche Einschätzungen kann man seit Jahren hören. Doch wird es eher schlimmer als besser. Und sollte wirklich einmal was Interessantes laufen, geht es zwischen all den Belanglosigkeiten unter.

Ähnliches gilt auch fürs Kino. Digitaler Fortschritt fordert mit special effects einen erheblichen Raum. Der Inhalt macht Platz für die Form. Aufgeblasene, rasante Actionszenen eignen sich gut, um beim Zuschauer mächtig Eindruck zu hinterlassen. Und um einen Neuwagen ertragreich per product placement ins rechte Licht zu rücken. Die verbesserte Technik, auch der ohrenbetäubende Digital-Sound, machen aus einem Kinobesuch ein fast  körperliches Erlebnis.  Es wird also an die schnellst-erreichbaren Instinkte appelliert. Inhaltlich haben Gewalt, nackte Haut und einfachste schwarz/weiß- oder wir-gegen-die-Muster Konjunkur, die Stories verflachen. Neue Geschichten zu verfilmen wird kaum gewagt, dagegen jagt ein Remake die nächste Fortsetzung. Wer  sich nicht ständig über die aktuellen Kino-Streifen informiert, wird wohl nur die Blockbuster der großen Studios zu sehen bekommen, da bei denen ein entsprechend hoher Werbeetat vorhanden ist.

So haben Filme mit kleinem Budget selten eine Chance, ein angemessen großes Publikum zu erreichen. So geschehen bei Free Rainer – dein Fernseher lügt aus dem Jahr 2007, den ich erst vor einigen Wochen zu sehen bekam.

Hier der fulminante Teaser:

Eine Story mit schnellen Autos, lauter Musik, Verschwörungstheorien, Sex, Drogen, Eingreiftruppen des BKA: Das bietet Free Rainer. Das oder Ähnliches bieten viele andere aber Filme auch. Das leider oft unterschätzte Kriterium der Relevanz allerdings wird im Gegensatz zu vielen sogenannten Kultfilmen  von Free Rainer erfüllt. Die Geschichte des TV-Machers bietet den Zusachauern  durch die überspitzte Darstellung des Fernsehens einen Bezugspunkt  zu seiner Lebenswirkichkeit an.  Das TV im Film nimmt sich die Realität zum Vorbild und wird übertrieben nachgezeichnet.

Was läuft also gerade im deutschen TV? Sinnlose Shows als Vorwand für Sex + Action. In vielen Reportagen gibt eine Stimme aus dem Off jede Interpretation des Gesehenen vor, in Herz-Schmerz-Trachten- und Krankenhaus-Telenovelas soll schwülstige Musik das Hoch-Emotionale verdeutlichen und  Boulevard-Magazine haben einen irrsinnigen Promikult verursacht. Die Ratgeber-Shows zur Erziehung für Kind und Hund, zur Verschuldung, zum Auswandern und zum Kochen werden aus  Laien auf dem jeweiligen Gebiet keine Profis machen. Wahrscheinlich dienen solche Shows auch nur der Stärkung des Selbstwertgefühls des Zuschauers, wenn er die Peinlichkeiten der Kandidaten sieht. Der Begriff Volksverdummung kann einem in den Sinn kommen.

Und warum ist das Programm so, wie es ist? Weil es schnell und billig herzustellen ist. Recherche ist zeit- und kostenintensiv, also wird primitive Unterhaltung gezeigt. Eine Halle mit Zuschern (egal, wenn sie nicht klatschen, den Applaus kann man in der post-production hinzumischen), ein paar austauschbare Promis ans Panel, ein austauschbares Setting wie den Dschungel, die Berge oder die See, ein Gewinnspiel, ein paar knapp bekleidete Tänzerinnen – fertig ist eine  Show für die Prime Time. Und die Show würde ihr Publikum finden.  Es wird insgesamt immer länger ferngesehen: 1992 hat der Durschnitts-Deutsche noch 167 Minuten täglich in die Glotze geschaut, 2004 sind es 210 Minuten (Quelle). Und mehr Zuschauer bedeuten für die Sender höhere Einnahmen, da die Werbezeit teurer verkauft werden kann. RTL hatte 2003 einen Umsatz von 1,88 Millarden €, ProSiebenSat1 hatten 2007 einen Umsatz von 2,703 Mrd.

Aber:

Warum schalten die  Zuschauer trotz  des unterirdischen Niveaus nicht aus? Weil sie an das schlechte Programm gewöhnt sind. Gewöhnung ist ein zentraler Begriff im Film. Die Zuschauer wollen sehen, was sie schon kennen.  Das Publikum gewöhnt sich an alles,  TV-Charakter werden zu Begleitern. Fernseh-Macher Rainer sagt: Zeig ein halbes Jahr lang Dreck – am Ende werden sie ihn lieben. Die realen Einschalquoten bezeugen, dass er Recht hat. Und diesen Gewöhnungs-Effekt will Rainer ausnutzen, um die deutsche TV-Landschaft zur Qualität zu zwingen.

Der Trailer zeigt wie:

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“

Das sagt Niklas Luhmanns in Die Realität der Massenmedien. Er zeigt, wie Medien die Welt erst konstruieren. Es stellt sich also nicht die Frage, in wie weit das Fernsehen die Wirklichkeit abbildet. Das Fernsehn zeigt nur sich selbst. Die Frage von Bedeutung lautet:

Welchen Einfluss hat das TV?

Die Antwort gibt eine Studie mit dem Namen Pisaverlierer: Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus. Im Frühjahr 2008 wurden wiedereinmal Pisa-Zahlen veröffentlicht. In der Studie werden die Kompetenzen von Fünfzehnjährigen im Lesen und in der Mathematik ermittelt. Das Erbebnis: 23 %  der untersuchten Schüler gehört in die sogenannte Risikogruppe. Das bedeutet, dass 23% der Schüler nur die Komepentzstufe I oder darunter erreichen. Kompetenzstufe I bedeutet Grundschulniveau. Mehr als ein Fünftel der Schüler kann also nicht ausreichend Rechnen und Lesen. Sie sind nicht auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet. Aber genau diese Gruppe sieht stundenlang Unterschichten-Fernsehn. Genaueres zu Pisa: FAZ vom16. Dezember 2008, S. 37.

Wohin es führt, wenn der TV-Konsum bei schlechter Programm-Qualität steigt, läßt sich nachlesen. Die Logik der Sorge – Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien bringt die Konsequenzen der von vielen bemerkten Verdummung auf den Punkt:

Die Folgen sind eine Infantilisierung der Gesellschaft, strukturelle Verantwortungslosigkeit und eine durch manipulative Medien verursachte gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeitsstörung.

Free Rainer zeigt, dass eine unaufmerksame Bevölkerung der Wirtschaft und der Politik nicht ungelegen sind. Die Zuschauer werden zum Konsum erzogen. Konsum befriedigt die Gelüste, der Konsument hat einen angemessenen Lebensstandart, er ist zufrieden, und so stellt er das Gesellschafts- System nicht in Frage. Zitat eines Programmverantwortlichen im Film:

Unsere Zuschauer, das ist opportunistisches Pack. Die wollen Titten sehen und wissen, wie man Steuern spart. Später sinngemäß: Die Leute gehen zur Arbeit, kommen nach Hause und der Rest ihres Lebens spielt sich hinter der Mattscheibe ab. Noch nie gab es so wenig Aufruhr. Die Leute sind von der Strasse weg. Noch nie war das System so stabil.

Apropos stabiles System: Im Film dient Aldous Huxley: Brave New World den Helden als Erkenungsmerkmal.

Das Buch von 1932 zeigt eine in ein Kasten-System eingeteilte Welt, gegliedert von Alpha = gebildet bis Gamma = ungebildet. Die niederen Kasten sollen zufrieden und ungebildet bleiben. Drogen, Gefühlskino und Orgien beschäftigen die Arbeiter, sie werden durch Genuß ruhiggestellt. Der Konsum führt zur Stabilität.  Geführt wird diese Gesellschaft von einem Weltdirektor, der Erfinder der Fließbandarbeit Henry Ford ist an die Stelle Gottes getreten. Die Ökonomie ist die dominante Kraft der Gesellschaft. Genau dieser Befund läßt sich auch außerhalb der Fiktion im Buch auf  die  globalisierte Welt übertragen.

Politiker sprechen oft von nötigem Wirtschaftswachstum zur Wohlstandserhaltung. Doch die Handlungsmöglichkeiten der Entscheider sind in Zeiten mit weltweit verschuldeten Staatshaushalten sehr begrenzt. Da ist eine leicht zu regierende, Tv-kontrollierte Beölkerung bequem. Eine Emanzipation der Konsumenten wird durch ungenügende Transparenz verhindert.

Die Wirtschaft sieht in dem TV-Zuschauer lediglich den potentiellen Konsumenten. Das Auseinandersetzungen mit kontroversen Inhalten garnicht gewünscht sind, sieht man an der Dreistigkeit, die sich herausgenommen wird, wenn kritische,  oft berechtigte Fragen aufkommen. Besteht die Gefahr, ein Unternehmen oder Politiker könnte nicht im idealen Bild gezeigt werden, gibt es kein Interview. Oder die Supermarkt-Kette schaltet keine Anzeigen mehr. Und wie kann es sein, dass Volksvertreter und Unternehmenssprecher, bei einem Anliegen die Bevölkerung betreffenend, keinen Kommentar abgeben?

In Free Rainer hat die Telekratie die Demokratie bereits abgelöst.



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