Thrillerpfeife

Fürs Heimatgefühl: Neue Landmarke im Ruhrgebiet

Posted on: November 26, 2008

Vor kurzem wurde eine neue Landmarke für das Ruhrgebiet eingeweiht. Es handelt sich um ein Horizontobservatorium, dass auf der 150 Meter hohen Halde Hoheward in Herten aufgestellt wurde.  Die beiden Stahlbögen haben einen Radius von 45 Metern, und sind bis Recklinghausen, Bottrop und wahrscheinlich noch viel weiter sichtbar. Die Konstruktion ist so ausgerichtet, dass an bestimmten, kalendarisch wichtigen Tagen, die Sonne genau durch kleine Öffnungen in den Bögen scheint. Dies geschieht an den Tagen der Sommer- und Wintersonnenwende und öfter.

Diese Technik ist natürlich nicht neu. Sie wurde bereits vor mehreren tausend Jahren benutzt, um der staunenden Bevölkerung die Göttlichkeit ihrer Herrscher vorzuführen und so den Gehorsam zu festigen. So geschah es am Steinkreis im heutigen Stonehenge in England und am ägyptischen Tempel von Abu Simbel.

Aber kann dieses an antiker Wissenschaft angelehnte Stahl-Objekt die modernen Menschen begeistern? Es sieht zumindest sehr windschnittig aus. Die Besucher der großen Eröffnungsfeier waren geteilter Meinung. Gesprächsthemen waren vielmehr die Kosten der ganzen Anlage oder der deutsche Bergbau insgesamt.  Da die Halden selbst ja als Abfallprodukt des Bergbaus gelten müssen, die nicht nur die oberirdische Landschaft des Ruhrgebiets prägen, soll wohl nun das Observatoriums-Monstrum die Blicke auf sich ziehen und den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft symbolisieren. Ähnliche Blickfang-Funktionen leisten der Tetraeder , die Installation „Totems“ in Bottrop und eine minimalistische Skulptur in Essen.

Der Eindruck der Halden für Besucher hat sich bereits geändert. Nach der `Krönung´ einer Halde mit einer solchen Großplastik wird aus einem Riesen-Schotterhaufen ein Ausflugsziel, vom staubigen Arbeitsplatz zum Touristenmagnet.

Zwar wird in Herten noch bis 2012 weiterhin Abraum aufgeschüttet, doch eine Kompanie an Tagesausflügern steht in den Startlöchern. 2009 soll ein Gastronomiebetrieb auf der Halde öffnen, die Angebote für Busausflüge werden nicht lange auf sich warten lassen. Die Kumpels und Zeugen der mittlerweile romantisierten Zeit, in der Kohleabbau noch die Top-Industrie war,  sterben langsam aus und so auch das Identifikationspotential mit einer Abraumhalde. Nach harter Maloche sehen die begrünten Halden nicht mehr aus und mit den neuen Landmarken passen sie besser ins gewünschte Bild des Strukturwandels an der Ruhr.  Hin zur Kulturgesellschaft.

Das hochaufragende Bauten sehr wohl hohes Identifikationspotential haben, mußte ich am eigenen Leib erfahren. Aufgewachsen genau neben der Nachbar-Halde der Hoheward, in Recklinghausen Hochlarmark, störte dieser Abraumberg unseren Fernseh-Empfang beträchtlich, was sich wiederum für mich nicht sonderlich auswirkte, da ich in diesen Jahren eh immer ins Bett mußte, als die spannenden Sendungen auf einem der drei Programme begannen. Es geschah also 1984, als genau vor meinem Kinderzimmerfenster ein 300 Meter hoher Schornstein zu wachsen began. Fast täglich kamen einige Meter hinzu, gebaut von einem auf der Spitzte des Turms befestigten gelben Kran. Nachträglich betrachtet sehe ich diese Erfahrung als Ausgangspunkt meiner eigenen Technik-Affinität. Anscheinend kann solches Beobachten einen Menschen emotional mit einem Bauwerk verbinden.

Bestimmt haben den Bau des Observatoriums auch viele Neugierige aus ihren Zimmer verfolgen können. Wenn dadurch für sie ähnliche Heimat-Gefühle ausgelöst werden, sehen sie vielleicht in den neuen Metallbögen einen Thriller.

Eine renaturisierte Halde bietet nette Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, und eine laue Sommernacht auf Hoheward, über dem Ruhgebiet, mit Sterneschauen zu verbringen, darf man sich gerne als angenehm vorstellen. Die Aussicht von dort oben ist sehenswert.

Doch bleibt die Frage, ob die verbauten, nicht geringen Geldmittel wirklich so gut angelegt sind. Es handelt sich laut Presseangaben um über 22 Millionen Euro.

Als Wirkung, als Gewinn, könnte das weithin sichtbare, futuristische Gebilde den Ruhrpottlern und -pottlerinnen zwar einen Eindruck von Aufschwung vermitteln, aber mehr als ein angenehmes Gefühl wird wohl nicht bleiben. Andere Projekte hätten für das Revier einen größeren Effekt gehabt.

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